Andrea Neumayer kennt Kuba schon seit mehr als 20 Jahren und hat es mittlerweile 15 Mal besucht. Zuerst kam sie als Touristin und begeisterte Salsa-Tänzerin, später konnte sie dort auch mehrere Mosaike verwirklichen.
Nach Corona zum ersten Mal wieder dort, kam die 66-jährige Heldenfingerin und Textil-Designerin bald mit Pepe Fernandez, einem der Organisatoren der „Havanna Biennale“ zusammen, der sie dann auch zur 15. Biennale 2024/2025 einlud. Zur Biennale gehört ein Projekt, das „Hinter den Mauern“ heißt und den „Malecón“, die Straße, die am Meer entlang um fast ganz Havanna herumführt, schmücken soll. Dort sollte ein Kunstwerk entstehen, zusammen mit Jose Fuster, dem „Hundertwasser Kubas“. Dieser ist ein eher naiver Künstler und hat in einem Vorort Havannas, in Jaimanitas, vor 30 Jahren angefangen, mit Mosaiken sein Haus zu verschönern. Hieraus entstand ein Gemeinschaftswerk mit anderen Bewohnern, die bald auch mit Mosaikarbeiten begannen. So wuchs ein Viertel mit unzähligen Mosaikhäusern und -mauern – heute der beliebte Touristenort Fusterlandia.

In den folgenden Monaten war ein Entwurf zu erarbeiten, der sich mit der naiven Kunst von Fuster vertragen sollte. Fuster hatte Krokodil und Hahn vorgegeben – ikonische Zeichen Kubas, mit denen er das zentrale Mosaik gestalten wollte. Neumayer und die Neuseeländer Mosaikkünstlerin Rachel Silver gestalteten einen Entwurf mit typisch kubanischen Tieren, Pflanzen, Landschaften und Gebäuden, auch als Lehr- und Identifikationswerk für die kubanische Bevölkerung. Das sollte auf einer sechs mal sieben Meter großen Wandfläche in Mosaik umgesetzt werden. Der Entwurf fand die Zustimmung Fusters.
Da die Wand groß und die Zeit für die Arbeit vor Ort begrenzt war, entschieden sich die beiden Künstlerinnen, einige Mosaike als Teilmotive schon im Vorfeld zu erstellen und auf Netz geklebt mitzubringen. Flüge wurden gebucht und eine Privatunterkunft im Zentrum Havannas, fußläufig zum „Malecón“, gefunden – betrieben von einem deutsch-kubanischen Paar, dessen Hilfe sich später als unschätzbar hilfreich erweisen sollte.
Schon am Tag der Ankunft gab es ein Treffen mit Fernandez und eine Besichtigung der nahe an Havanna Vieja gelegenen Wand. Silver und Neumayer trauten ihren Augen nicht; vorbereitet war nämlich – nichts! Es war Donnerstag und Fuster hatte sein Kommen für folgenden Montag zugesagt.

Tatsächlich erschien er erst Ende der zweiten Woche mit Coco, seinem Gehilfen, der dann in Windeseile den Part des Meisters an die Wand brachte. Danach bekamen die Künstlerinnen freiwillige Hilfe von zwei Künstlern, die im Mosaikviertel von Jaimanitas leben und auch für Fuster arbeiten.
Dadurch, dass viele Mosaikteile schon vorbereitet waren, konnten sie im Ganzen an die Wand geklebt werden. In der Zwischenzeit wurde bekannt, dass die Einweihung der Mauern wegen eines Hurrikans um eine Woche nach hinten verschoben wurde. Neumayer verlängerte daraufhin ihren Aufenthalt, doch viele andere Künstler konnten das nicht und waren folglich bei der Einweihung nicht dabei. Dadurch konnte die Wand so weit, wie Fliesen und Kleber langten, fast fertiggestellt werden und bei der großen, offiziellen Einweihung pfiffigerweise als „Werk in Arbeit“ vorgestellt werden.
Fuster versprach dann noch, den Hintergrund fertig zu machen. Man darf gespannt sein …
Was ist die „Havanna Biennale“?
Die vom „Centro de Arte Contemporáneo, Wifredo Lam“ organisierte 15. „Havanna Biennale“ dauert vom November 2024 bis zum Frühjahr 2025 und bringt unter dem Motto „Horizontes Compartidos“ (Geteilte Horizonte) rund 170 kubanische Künstler, die größte Zahl in ihrer Geschichte, und ausgewählte 230 Ausländer zusammen – darunter die Heldenfingerin Andrea Neumayer. Es sollen „Netze der Verbindung und des Feedbacks“ zwischen den Kunstschaffenden, dem Ort, an dem ihr Werk angesiedelt ist, und dem Publikum, das Teil des künstlerischen Ereignisses sein soll, aufgebaut werden. Dieser Aspekt der internationalen Freundschaft ist konstitutiv für den Geist dieser Biennale.
Die aktuelle Ausgabe umfasst Gedenkausstellungen, Forschungs- und künstlerische Erkundungsprojekte und Aktionen sowie Sonderprojekte. Zu letzteren gehört die Ausstellung „Detrás del Muro“ (Hinter der Mauer) auf dem Malecón von Havanna, die unter dem Titel „Acera Sur“ (Südlicher Bürgersteig) 40 Künstler aus Havanna und dem Ausland zusammenbringt.
Außerhalb der Hauptstadt umfasst das Programm Projekte in drei weiteren Provinzen: Matanzas (Cuerpos Integrados), Pinar del Río (Farmacia) und Holguín (La Oficina). Die Biennale will die Stadt verschönern und deren Wirtschaft fördern.