Falls der Gesuchte noch lebt, dann sitzt er am 5. März wahrscheinlich vor dem Fernseher. Denn immerhin geht es um ihn und seine Zukunft, wenn in der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ diese Frage gestellt wird: Wer ermordete im März 1983 Sabine Rahn aus Schnaitheim?
Seit 42 Jahren warten die Angehörigen von Sabine Rahn auf eine Antwort. Ebenso lange schon nehmen sich die Ermittler in nach und nach veränderter personeller Zusammensetzung den Fall immer wieder vor. Vielleicht, so ihre Hoffnung, kann er jetzt doch noch gelöst werden. Die Zuversicht speist sich aus verschiedenen Faktoren: Die Kriminaltechnik macht unablässig Fortschritte und ermöglicht eine immer detailliertere Analyse vorhandener Spuren.
Persönliche Beziehungen können zu Ende gehen, mögliche Mitwisser somit bereit sein, ihr Schweigen zu brechen. Der Täter könnte sich offenbaren, sei es aufgrund des Fahndungsdrucks oder wegen seiner Schuldgefühle. Und womöglich erinnert sich ein Fernsehzuschauer erst jetzt an eine Wahrnehmung, die plötzlich zur heißen Spur wird.
Viele Fragen zur Tat sind weiterhin offen
Immer wieder thematisierte auch die Heidenheimer Zeitung das tödliche Geschehen. Mitunter differierten dabei Details oder Zahlenangaben, weil die Ermittlungsbehörden nicht ihr komplettes Wissen auf den Tisch legten. Vieles rund um die Tat ist nach wie vor nicht bekannt.
Am 11. März 1983 verlässt Sabine Rahn gegen 20 Uhr die elterliche Wohnung in Schnaitheim. Sie will sich an jenem Freitag mit Freundinnen in der Heidenheimer Innenstadt treffen, kommt aber nicht wie vereinbart vor der Disco Coupé an der Wilhelmstraße an.
Noch in der Nacht zu Samstag erstatten die Eltern Vermisstenanzeige. Am Nachmittag des 14. März finden spielende Kinder Sabine Rahns Leiche bei der Keltenschanze am östlichen Ortsrand von Nattheim in Richtung Fleinheim. Sie liegt etwa 500 Meter von der Landesstraße entfernt in einer Fichtenschonung. Die Obduktion ergibt, dass die 18-Jährige Opfer eines Gewaltverbrechens wurde, und dass der Tod durch Ersticken eintrat.
Keine Spuren eines Kampfes gefunden
In einer Pressekonferenz nennen Staatsanwaltschaft und Polizei weitere Einzelheiten. Demzufolge ist der Fundort der Leiche nicht der Tatort, und es finden sich keine Spuren eines Kampfes. Auffällig: Obwohl Sabine Rahn, wie später bekannt wird, vergewaltigt wurde, ist ihr Leichnam vollständig bekleidet. Im Zuge der Ermittlungen einer 20-köpfigen Sonderkommission tauchen viele weitere Fragezeichen auf. So ist unklar, wie Sabine Rahn nach Heidenheim kommen wollte.
Hat sie den Bus genommen? Oder ist sie getrampt? Letzteres halten die Ermittler schnell für vorstellbar, sie gehen allerdings davon aus, dass Rahn nicht zu einem gänzlich Fremden ins Auto gestiegen wäre. Früh wird deshalb die Vermutung der Staatsanwaltschaft laut, es handele sich um eine Beziehungstat.
Wer aber ist der große Unbekannte, für dessen Ergreifung eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt wird? Eine Woche nach dem Tötungsdelikt ergeht Haftbefehl gegen einen Mann. Die Verdachtsmomente erhärten sich nicht, und so ist er wenige Tage später wieder auf freiem Fuß. Zu diesem Zeitpunkt Anfang April sind bereits mehr als 300 Hinweise eingegangen.
Die Bandbreite der Schilderungen ist groß: So soll sich Sabine Rahn an besagtem Freitagabend gegen 20.35 Uhr an der Bushaltestelle Gloria/Ottilienhof mit einem jungen Mann unterhalten haben, um 21.15 Uhr auf der B19 von Heidenheim in Richtung Schnaitheim gegangen sein, sich um 22 Uhr im „Coupé“ aufgehalten haben. Am Samstag war sie gegen 19.30 Uhr angeblich in Begleitung mehrerer Personen auf der Hauptstraße unterwegs, um 20.45 Uhr dann wieder im „Coupé“. Ein Zeuge will sie am Sonntag um 18.38 Uhr am Aalener Bahnhof gesehen haben.
Blutgruppe des Täters ermittelt
Aus Spermaspuren lässt sich zwar die Blutgruppe des Täters ermitteln. Die anschließende Überprüfung von 50 Männern, die in wie auch immer geartetem Kontakt zu Sabine Rahn standen, verläuft jedoch ergebnislos. Der Fall bleibt mysteriös – und ungelöst. Im August 1988 wird das Verfahren eingestellt.
Anfang 1995 dann ein erneuter Anlauf. Die Ermittler wenden sich abermals an die Öffentlichkeit. „Die Hoffnung ist klein“, sagt Oberstaatsanwalt Harald Stephan, „aber es gibt keinen Fall ohne Aber.“ Zutage tritt dieses allerdings nicht. Daran vermag auch die DNA-Auswertung der vorliegenden Spuren nichts zu ändern. Sie ermöglicht es aber zumindest, einen vagen Tatverdacht auszuräumen.

20 Jahre später ein weiterer Versuch: 2015 schreiben die Ermittler aus den Akten die Namen von gut 500 Personen heraus, die dem Umfeld Sabine Rahns zugeordnet werden. Mit verfeinerter Analytik werden wiederum DNA-Proben unter die Lupe genommen. Erst die eines kleinen Personenkreises, dann – im Rahmen einer Reihenuntersuchung – die von knapp 200 Männern. Ein Treffer bleibt aus.
Die Wissenschaft hält niemals inne, und so steht mittlerweile fest: Der Täter war blond und blauäugig. Das weiß auch die Cold-Case-Unit des Ulmer Polizeipräsidiums, die 2023 zu einer außergewöhnlichen Maßnahme greift. Im März und April hängen in Heidenheim und Nattheim großformatige Plakate, die an den Fall erinnern. Es gehen 15 überwiegend neue Hinweise ein, und der Kriminalbeamte Manuel Köhler sieht sich in dem Vorgehen bestätigt, wenngleich der Fall immer noch seiner Aufklärung harrt: „Wir konnten mit der Aktion zeigen, dass solche Verbrechen wie der Mord an Sabine Rahn nicht vergessen werden.“
Ermittler regten Filmbeitrag an
Dazu beitragen wird auch der 15-minütige Filmbeitrag, der am 5. März im ZDF gezeigt wird. Die Initiative ging von den Ermittlern aus. „Wir sind diesem Vorschlag gerne nachgekommen“, sagt Angela Nachtigall, stellvertretende Leiterin der Redaktion Eduard Zimmermann/Deutsche Kriminal-Fachredaktion (DKF), „zumal wir einen sehr guten Kontakt zur Ulmer Cold-Case-Unit haben.“ Die DKF bereitet die in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ thematisierten Fälle sendefertig auf.
Gedreht wurde nach etwa halbjährigen Vorarbeiten, die mit den Recherchen bei der Polizei in Ulm begannen, Ende Oktober im Raum München – wie meist bei Filmen für XY. Das hat zum einen produktionstechnische Gründe, zum anderen soll Nachtigall zufolge verhindert werden, „dass am eigentlichen Ort des Geschehens eine Aufmerksamkeit erregt wird, die den Täter warnen könnte“.
Diskothek Coupé spielt eine wichtige Rolle
Die künstlerische Freiheit der Filmemacher ist begrenzt, vielmehr kommt es auf eine möglichst realistische und faktentreue Darstellung an. Bisweilen ist das nur bedingt möglich, wie das Beispiel der Diskothek Coupé zeigt: Das Gebäude, in dem sich einst auch das „Goldene Rad“ befand, ist längst abgerissen und konnte somit auch nicht als originalgetreue Vorlage für eine kurze Filmsequenz dienen.
Aus langjähriger Erfahrung weiß Nachtigall die Erfolgsaussichten einem Millionenpublikum präsentierter Falldarstellungen einzuschätzen: „Es hat schon mehrmals geklappt, dass ausermittelte Fälle doch noch aufgeklärt wurden, nachdem eine große Öffentlichkeit die gebündelten Erkenntnisse in einer Neubetrachtung präsentiert bekam.“ Auch im Schnaitheimer Mordfall könnte das so kommen – sofern der richtige Name fällt. Schließlich ist die DNA des mutmaßlichen Täters vorhanden. Unter Umständen ist also für den Mörder von Sabine Rahn am Aschermittwoch 2025 alles vorbei.
Fahndung läuft im ZDF
Sabine Rahn war 175 Zentimeter groß, sehr schlank und hatte mittelblondes, schulterlanges, gelocktes Haar. Am Abend ihres Verschwindens trug sie ein längsgestreiftes, hellblau-weißes Hemd, ein graues Herren-Sakko mit zwei Buttons (ein weißer mit der Aufschrift „Nobody is perfect“, ein roter mit einem Männerkopf), eine grüne Jeans und weiße Turnschuhe mit schwarzen Streifen (Modell Allround). Die 18-Jährige war als angehende Schwimmmeister-Gehilfin bei der Heidenheimer Stadtverwaltung angestellt und spielte in ihrer Freizeit Handball bei der TSG Schnaitheim.
Die Sonderausgabe „Cold Cases“ der Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ läuft am Mittwoch, 5. März, ab 20.15 Uhr im ZDF.