Das Gesundheitssystem in Deutschland kämpft mit verschiedenen Problemen, die bei den Menschen im Landkreis Heidenheim auch in ihrem Alltag ankommen: Es wird immer schwieriger bis unmöglich, einen neuen Hausarzt zu finden, auf Termine bei Fachärzten muss man lange warten, das Klinikum Heidenheim ist in öffentlicher Hand, aber chronisch unterfinanziert. Wir haben den Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag drei Fragen dazu gestellt:
Frage 1: Von den 82 noch verbliebenen Hausärztinnen und Hausärzten im Landkreis Heidenheim sind 38 Prozent über 60 Jahre alt. Eine massive Unterversorgung ist also absehbar. Welche politischen Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um dem Mangel an niedergelassenen Ärzten möglichst schnell und effizient entgegenzuwirken?
Roderich Kiesewetter (CDU): Wir brauchen mehr Anreize für junge Ärzte und nichtärztliche Mitarbeiter im ambulanten Bereich. Im ländlichen Raum fehlt häufig die Finanzierungssicherheit bei gleichzeitiger überbordender Bürokratie und mangelnder Fallvergütung. Lösungen sehe ich durch die Senkung des NC, die effiziente Vergütung der Übernahme von Fällen aus der ZNA und eine praktikable Lösung bei den Poolärzten.
Cornelia True (SPD): Die SPD setzt sich für den Ausbau regionaler Gesundheitszentren mit angestellter Ärzteschaft ein. Medizinstudienplätze wollen wir ausbauen, bürokratische Hürden für Niederlassungen senken. Die SPD-Kreisfraktion beteiligt sich beim Landkreis an einem Plan zur Gesundheitsversorgung. Uns ist wichtig, Hausarztpraxen flächendeckend zu verteilen und die Gemeinden bei der Einrichtung von MVZs, Genossenschaften oder Quartiermanagement zu unterstützen.
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Dr. Jeannette Behringer (Grüne): Zentral ist, dass der Beruf der Hausärztin/des Hausarztes wieder attraktiver werden muss, z.B. durch die neue Entbudgetierung der Hausarztpraxen. Nötig sind der Abbau überflüssiger Bürokratie, eine Erhöhung der Landarztquote für ein Studium der Humanmedizin und ggf. eine Erhöhung der Landesförderung für eine Niederlassung im ländlichen Raum. Dazu der Ausbau der Telemedizin und die Übertragung von Dienstleistungen an nicht-ärztliches Fachpersonal.
Chris-Robert Berendt (FDP): Hausärztemangel gefährdet unsere Gesundheitsversorgung – das lassen wir nicht zu! Anreize statt Zwang. Weniger Bürokratie, Steuererleichterungen, Förderprogramme für den ländlichen Raum sowie digitale Lösungen machen den Beruf attraktiver. Medizinische Versorgungszentren mit Fachärzten und Therapeuten sowie mehr Studienplätze und Stipendien sichern die Versorgung und stärken den ländlichen Raum nachhaltig.
Dr. Jürgen Müller (AfD): - Mehr Medizinstudienplätze (AfD-Antrag: 20/10732)
- Anreize für Landärzte: Förderung von Praxisgründungen, Übernahme Studienkredite bei Niederlassung in unterversorgten Regionen
- Weniger Verwaltung, damit sich Ärzte stärker auf Patienten konzentrieren können (AfD-Antrag 20/4670)
- Abschaffung der Budgetierung für Ärzte (AfD-Antrag 20/2360)
- Weiterer Ausbau von Polikliniken/MVZ mit angestellten Ärzten auch unter Trägerschaft der Kommunen
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Thomas Jensen (Die Linke): In vielen Regionen gibt es kaum noch niedergelassene Ärzte, während in innenstadtnahen, wohlhabenden Wohnlagen ein Überangebot vorhanden ist. Niedergelassene Ärzte haben durch die Zwei-Klassen-Medizin strukturelle Vorteile, wenn sie ihre Praxen in bessere Wohngegenden verlagern. Die Versorgungsbezirke müssen kleiner bemessen und von Ländern und Kommunen bestimmt werden.
Frage 2: Das Defizit des Heidenheimer Klinikums wächst von Jahr zu Jahr und betrug 2024 (hochgerechnet) fast 11 Millionen Euro. Der Verlust wird vom Landkreis gestemmt, der eigentlich nicht für die Klinikfinanzierung zuständig ist. Was kann der Bund tun, um seiner Aufgabe nachzukommen, den laufenden Betrieb von Kliniken finanziell sicherzustellen?
Roderich Kiesewetter (CDU): Bundespolitische Finanzierungsvorgaben sollten den ländlichen Raum besser berücksichtigen. Deshalb sind z.B. Reformen bei den Leistungsgruppen und Kriterien nötig. Zudem braucht es eine echte „Entökonomisierung“, indem fallzahlunabhängiger, bedarfsorientiert das Vorhaltebudget ermittelt wird, was kleinere Krankenhäuser entlastet und wodurch mehr Basis-Leistungen finanziert werden könnten. Zudem muss eine andere Vergütung der Notaufnahmen geprüft werden.
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Cornelia True (SPD): Durch die Krankenhausreform werden Leistungen nur dort angeboten, wo sie auch gebraucht werden und ausreichend Qualifizierung vorhanden ist. Für das Klinikum muss geplant werden, was sinnvoll angeboten werden und wo man mit niedergelassenen Praxen zusammenarbeiten kann. Das Vorhaltebudget wird die finanziellen Rahmenbedingungen erleichtern. Dennoch muss der Bund Investitionskosten stärker mittragen. Eine gemeinsame Bürgerversicherung würde die Finanzierung erleichtern.
Dr. Jeannette Behringer (Grüne): Am 1. Januar trat das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) in Kraft. Es bringt u.a. eine Verbesserung der Grundfinanzierung, da diese Kosten zu rd. 60 Prozent finanziert werden, der Rest über Fallpauschalen. Für den ländlichen Raum bietet die im Gesetz mögliche Verbindung von bedarfsnotwendigen Krankenhäusern mit sektorenübergreifender stationärer, pflegerischer und ambulanter Versorgung eine Chance für eine gut erreichbare und qualitativ hochwertige Versorgung.
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Chris-Robert Berendt (FDP): Der Bund muss Krankenhäuser, insbesondere in ländlichen Regionen wie Heidenheim, verlässlich finanzieren. Anstatt die Kommunen weiter zu belasten, müssen Investitionsprogramme und eine faire Ausgestaltung der Fallpauschalen her. Zudem braucht es eine stärkere Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten und eine Förderung der Digitalisierung, um Kliniken effizienter zu machen.
Dr. Jürgen Müller (AfD): - Bundesweiter Klinik-Rettungsschirm: Finanzieller Ausgleich für defizitäre Krankenhäuser
- Reform der Krankenhausfinanzierung: Weg von Fallpauschalen-Abrechnung, Beendigung der Deckelung im Abrechnungssystem
- Stärkere Investitionen in kommunale Krankenhäuser: Bundesmittel für Infrastruktur und Modernisierung bereitstellen
- Bürokratieabbau und effizientere Ressourcenverteilung: Weniger Verwaltungskosten und bessere Nutzung bestehender Kapazitäten
- Stärkere Förderung von Kooperationen: Kliniken enger mit niedergelassenen Ärzten und Pflegeeinrichtungen verzahnen
Thomas Jensen (Die Linke): Das neue Krankenhausreformgesetz verschärft den Strukturwandel. Kleine, wohnortnahe Krankenhäuser, Geburtshilfe und lebensrettende Notfallversorgung sind nicht flächendeckend gewährleistet. Der Bund muss die Fallpauschalen vollständig abschaffen, damit werden Verluste und Gewinne nahezu unmöglich. Privatkonzerne sollen nicht weiterhin von lukrativen Fällen profitieren können. Bund und Länder müssen nachhaltig in die Krankenhäuser investieren, was derzeit nicht der Fall ist. Die Pflegevollversicherung ist zur Finanzierung wichtig.
Frage 3: Der demografische Wandel wird die Pflege von alten Menschen in Zukunft immer schwieriger machen, da eine steigende Zahl an Pflegebedürftigen immer weniger jungen Menschen und damit auch weniger Pflegepersonal gegenübersteht. Auf welche Lösungen setzen Sie in diesem Bereich?
Roderich Kiesewetter (CDU): Wir sind auf qualifizierte Zuwanderung in den Pflegeberufen angewiesen. Zudem ist es nötig, die Anreize bei Pflegeberufen zu erhöhen z.B. durch bessere Aufstiegsmöglichkeiten, neue Berufsbilder und schnellere Anerkennung ausländischer Qualifikationen. Langfristig braucht es eine Angleichung der Gehaltsstrukturen an andere Branchen wie z.B. der Industrie und qualitative Anreize, sprich: mehr Zeit für die Patienten durch höhere Personalschlüssel und Vereinfachung von Dokumentationsprozessen.
Cornelia True (SPD): Pflege darf kein Luxus sein. Daher will die SPD den Eigenanteil an Pflegekosten auf 1.000 Euro deckeln. Wir wollen die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern, u. a. durch verbindliche Personaluntergrenzen, ordentliche Tariflöhne und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Zudem müssen wir mehr Ausbildungsplätze schaffen, Pflegekräfte aus dem Ausland gezielt anwerben und pflegende Angehörige stärker unterstützen.
Dr. Jeannette Behringer (Grüne): Die Gewinnung und das Halten von Arbeitskräften stehen im Vordergrund, durch höhere Löhne, weniger Bürokratie und Digitalisierung. Jungen und Männer sollten gezielt für die Pflege angeworben werden. Die baden-württembergische Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften nimmt 2025 ihre Tätigkeit auf. Es ist essenziell, dass wir uns als Einwanderungsland verstehen und in erfolgreiche Integration investieren.
Chris-Robert Berendt (FDP): Innovative Pflegelösungen im demografischen Wandel - Wir machen den Pflegeberuf attraktiver – durch bessere Arbeitsbedingungen, flexible Modelle und weniger Bürokratie. Mit modernen Technologien wie Pflegerobotern und Telemedizin entlasten wir die Pflegekräfte. Zugleich erleichtern vereinfachte Anerkennungsverfahren den Zuzug von Fachkräften. Wir müssen die ambulante Pflege stärken und alternative Wohnformen wie Seniorenwohngemeinschaften fördern, um ein selbstbestimmtes Leben in vertrauter Umgebung zu ermöglichen. Damit sichern wir die Pflege der Zukunft.
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Dr. Jürgen Müller (AfD): - Attraktivere Arbeitsbedingungen: Höhere Löhne, bessere Arbeitszeiten, mehr Urlaub und weniger Überlastung
- Quereinsteigerprogramme und gezielte Ausbildungsoffensiven: Finanzierung von Umschulungen; Jobsharing ermöglichen
- Stärkere Unterstützung für pflegende Angehörige um Heimaufenthalte zu reduzieren
Thomas Jensen (Die Linke): Gute Arbeitsbedingungen und Entlastung der Beschäftigten in der Pflege sind Voraussetzung für längere Verweildauer im Beruf und motivieren zur Ausbildung. Hunderttausende Pflegekräfte können sich vorstellen, in den Beruf zurückzukehren – bei besseren Arbeitsbedingungen. Zwischen Kranken- und Altenpflege besteht eine Lohnlücke von ca. 300 Euro, die geschlossen werden muss. Alle Pflegekräfte verdienen gute Entlohnung.
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