Nach einem langen, dunklen Winter sehnt wohl jeder den Frühling herbei. Zumindest fast jeder. Denn mit dem Frühling kommt der Heuschnupfen. Davon geplagt ist zum Beispiel Dr. Oliver Potzel. Er ist allergisch gegen Frühblüher, also Bäume, deren Blütezeit schon sehr früh im Jahr beginnt. Dazu zählen Birke, Erle und Hasel. Eine tagesaktuelle Pollenvorhersage, wie sie etwa auf wetterbote.de zu finden ist, braucht Potzel aber nicht. Er ist sein eigenes Pollenradar. „Ob viel blüht, merke ich schon morgens, wenn ich noch im Bett liege an einem Kratzen am Gaumen“, sagt er. Und das heißt dann für ihn: ein Tag mit tränenden Augen, dauerndem Niesen und Kurzatmigkeit.
Die Symptome einer Pollenallergie sind vielfältig. Manche leiden unter Hustenreiz, Heiserkeit, geschwollenen Augenlider oder sie fühlen sich abgeschlagen und krank, haben Gliederschmerzen – Krankheitsgefühle ähnlich einer Grippe. Manch einer hat nur im Frühling Beschwerden, andere begleiten sie bis in den Herbst. „In meiner Jugend haben die Symptome Anfang April angefangen, jetzt beginnen sie Mitte März“, sagt Potzel. „Die ersten Beschwerden können aber auch schon im Dezember oder Januar auftreten, wenn es warm ist.“ Das sei insbesondere bei Hasel der Fall, bestätigt Dr. Elisabeth Hagel, Fachärztin für Hautkrankheiten und Allergologie in Heidenheim. „Durch die Klimaerwärmung sind die Vegetationszeiten länger. Es beginnt früher zu blühen und es dauert auch länger.“ Nach den früh blühenden Bäumen sind zwischen Mai und Juli Gräserpollen unterwegs, im Spätsommer dann Kräuterpollen wie Wegerich oder Beifuß.
Heidenheimer Hautärztin: „Heuschnupfen sollte man ernst nehmen“
Potzel hat den Eindruck, dass seine Beschwerden im Laufe der Jahre etwas leichter geworden sind. Ist das die Regel? „Das kann der Fall sein, aber meistens werden die Symptome einer Allergie unbehandelt schlechter“, so Elisabeth Hagel. „Heuschnupfen wird oft nicht ernst genommen, aber man sollte ihn behandeln, weil sich daraus ein chronisches Asthma entwickeln kann.“ Es bestehe auch eine gewisse Allergieneigung. Hat man eine, ist das Risiko erhöht, noch weitere zu bekommen.“ Nicht wenige Pollenallergiker reagieren auch auf bestimmte Lebensmittel. „Insbesondere Birkenpollen sind berüchtigt für sogenannte Kreuzallergien", sagt Hagel. „Man reagiert dann auf Äpfel, Birnen oder Karotten.“
Die Begriffe Pollenallergie und Heuschnupfen werden häufig synonym verwendet, aber eigentlich ist letzteres das Symptom einer durch Pollen ausgelösten Allergie. Je nach Quelle sind zwischen 15 und 30 Prozent der Bevölkerung allergisch gegen Pollen – Tendenz steigend. Die Neigung dazu wird vererbt, aber für den tatsächlichen Ausbruch spielen Umweltfaktoren eine große Rolle. „Unser Immunsystem muss beschäftigt werden“, erklärt Hagel. „Wenn es nichts zu tun hat, kommt es auf Abwege und reagiert bei Kontakt mit eigentlich harmlosen Stoffen, wie Pollen, Hausstaub oder Tierhaaren, über.“
Schutz vor Allergien durch Geschwister und Hunde?
Laut der Heidenheimer Allergologin spricht viel dafür, dass es einen Zusammenhang mit den herrschenden Hygienestandards gibt. „In Städten gibt es mehr Allergiker als auf dem Land, wo Landwirtschaft noch verbreiteter ist. Es gibt auch Studien dazu, dass ein älterer Bruder oder ein Hund einen gewissen Schutz vor Allergien bieten.“ In der ehemaligen DDR gab es weniger Allergiker als zur selben Zeit im Westen. „Im Osten waren Kitas sehr verbreitet und die Kinder haben sich schneller mal einen Schnupfen eingefangen“, erklärt Hagel. „So konnte das Immunsystem harmlos beschäftigt werden und reifen. Mittlerweile liegen der Osten und Westen auf gleichem Niveau, was Allergien angeht.“
Sind die Allergien aber erst mal da, hilft es nicht mehr, sich in den Kuhstall zu setzen oder im Dreck zu spielen, um sein Immunsystem mit Keimen zu konfrontieren. Oliver Potzel passt stattdessen seine Gewohnheiten an. „Wenn es schön Wetter ist und windig, gehe ich nicht raus zum Grillen, sondern verbringe den Tag eher im Haus, weil ich da weniger Beschwerden habe“, sagt er. Außerdem helfen ihm Medikamente, die die allergische Reaktion hemmen. „Die Antihistaminika sind heute viel besser als früher. Die nehme ich bei Bedarf und komme so gut über den Tag.“ Auch Elisabeth Hagel bestätigt eine Verbesserung der Medikamente. „Früher war die Hauptnebenwirkung Müdigkeit, aber bei den modernen ist das weniger der Fall.“ Eine weitere Möglichkeit ist die Hyposensibilisierung. Dabei bekommt man über drei Jahre Pollenextrakte gespritzt oder man nimmt sie in Tropfen- oder Tablettenform ein. So soll sich das Immunsystem an das Allergen gewöhnen, bis die allergische Reaktion nachlässt. Laut Hagel werden die Symptome so in aller Regel deutlich abgemildert.
Medikamente und Hyposensibilisierung
Ansonsten ist es natürlich ratsam, sich vor Pollen in Acht zu nehmen. „Wäsche sollte im Haus getrocknet werden", so Hagel. „Man sollte sich die Haare waschen, wenn man draußen war, die Straßenkleidung nicht neben das Bett legen und frühmorgens oder spätabends lüften, weil der Pollenflug tagsüber höher ist.“ Etwas Linderung können Dampfbäder oder Inhalationen bringen, weil sie die Schleimhäute befeuchten. Dem Juckreiz an den Augen sollte man nicht nachgeben und reiben, sonst gelangen die Pollen tiefer ins Auge und die Beschwerden verstärken sich. Übrigens ist Regen nicht immer ein Garant für die Besserung der Symptome. „Wenn Birkenpollen feucht werden, quellen sie", erklärt Elisabeth Hagel. „Das macht sie aggressiver und die Beschwerden verschlimmern sich noch.“
Aufgrund der vielfältigen Symptome ist eine Allergie manchmal gar nicht so leicht von einer Erkältung oder Sommergrippe zu unterscheiden. „Eitriger Schnupfen ist immer eine Infektion“, erklärt Hagel. „Bei einer Allergie ist das Nasensekret klar und flüssig.“ Bei unklarer Symptomatik sollte ein Arzt zurate gezogen werden. Ein Allergietest bringt dann Klarheit.