Theaterring

Vom Hausschwein zum Dreckschwein: So war „Animal Farm“ beim Theaterring

Volltreffer zum Saisonabschluss: „Animal Farm“ des Landestheaters Schwaben vom Publikum gefeiert.

Geschichte umschreiben, Gesellschaften spalten, mit eingängigen Parolen und Emotionen manipulieren – viele Bezüge zur aktuellen Gesellschaft lassen sich in George Orwells Animal Farm“ erkennen. Die Inszenierung des Landestheaters Schwaben aus Memmingen, die am Dienstagabend im Heidenheimer Konzerthaus gezeigt wurde, tut allerdings exakt das nicht. Sie bezieht sich nicht auf die sowjetrussische Geschichte, die Orwell in seiner Parabel im Sinn hatte, nicht auf nachfolgende und nicht auf derzeitige Zustände. Die Inszenierung von Mona Sabaschus, die auch die Theaterfassung geschrieben hat, zeigt jedoch eines ganz genau: Wie eine Terrorherrschaft entsteht.

Ein Theaterabend also voller Belehrungen und stets erhobenem Zeigefinger? Mitnichten. Ein Theaterabend voller Spannung, voller fein ausgetüftelter Dramaturgie, einer Sprache, die sowohl deutlich wird, als auch eingängig ist, schriller Kostüme, einem Bühnenbild für Tiere in Käfighaltung. Und einem glänzend agierenden Ensemble, wobei besonders Cindy Walther als Schneeball hervorzuheben ist, die trotz angeschlagener Gesundheit – dann eben mikrofonverstärkt – volle Leistung brachte.

Ein Schwein, das es gut meint: Cindy Walther glänzt als Schneeball in „Animal Farm“ und bringt trotz gesundheitlicher Einschränkungen volle Leistung. Natascha Schröm

Feindbilder ersetzen Inhalte

Schneeball, das ist das Schwein, das gerne Einvernehmen zwischen den Farmtieren nach der Schlacht im Kuhstall und dem revolutionären Sieg über den Bauern herstellen möchte, ein Schwein, das es gut meint. Das ließe sich auch über seinen Gegenspieler Napoleon sagen, wenngleich er es vor allem gut mit sich selbst meint. Und dennoch alle Tiere auf seine Seite ziehen und Schneeball ins Aus schießen kann. Wie? So wie es immer funktioniert: Feindbilder ersetzen fehlende Inhalte, Lügen säen Zwietracht, Wohlstandsversprechen lassen Schufterei attraktiv erscheinen, Gewaltdemonstrationen ersticken Gegenwehr im Keim.

Trotz all der Schwere der Themen steht bei Regisseurin Mona Sabaschus das Theatererlebnis im Vordergrund und eine Fülle von Ideen macht es zu einem richtigen Volltreffer zum Saisonabschluss des Theaterrings. Kostüm und Maske lassen die Tiere erahnen, ohne tatsächlich Fell und Hufe einzusetzen, etwa die rote Mütze statt eines Hahnenkamms oder die wilde Haarsträhne statt Pferdemähne. Als Bühnenbild braucht es nur ein grobes Gerüst, das Bauernhaus, Windmühle, Herrschaftssuite, Arbeitsplatz, schließlich auch Käfig zugleich ist – großartig der Einstieg nach der Pause, bei dem die Windmühle als Schattenriss das emsige Arbeiten markiert.

Machthungrige Drahtzieher

Malochen freilich muss nur das Fußvolk, allen voran Arbeitspferd Boxer, der die Indoktrination komplett inhaliert hat und sich immer mehr ins Zeug legt, bis schließlich statt versprochenem Ruhestand der Abdecker kommt. Picker, stellvertretend für Orwells Hühner, wird Opfer seines Aufbegehrens, und der übellaunige Esel Benjamin, von Anfang an skeptisch gegenüber den neuen Machthabern, sorgt schließlich mit übermäßigem Arbeitseinsatz für sein eigenes Ende. Kleeblatt, die Mutterstute und Erzählerin der Handlung, mit guten Instinkten und Hilfsbereitschaft ausgestattet, resigniert schließlich auch, und Luxuspferd Mollie hat schon längst das Weite gesucht.

Während die Revolution ihre eigenen Kinder frisst, frönen Napoleon und ihr Steigbügelhalter und Propagandaapparat Squealer dem süßen Nichtstun bei Schampus und Tanz, bis auch Squealer zur Seite geschafft wird und sich Napoleon selbst die Krone aufsetzt. Wie sich Napoleon im Übrigen vom Hausschwein zum Dreckschwein, vom revolutionären Widerspruchsgeist zum absolutistischen Machthaber wandelt, das lässt sich in Spiel, Ausstattung und Kostüm herrlich nachvollziehen. Und dabei bilden Unterhaltung und Tiefgang eine Symbiose: Das Geschehen, das psychologisch geschickte Drahtziehen, die von gierigem Machthunger ausgenutzte Gutgläubigkeit, das geht in Grellheit und Tempo nicht unter, das geht unter die Haut und in die Birne.

Die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber, sagte einst Brecht. In dieser vom Publikum zu Recht sehr beklatschten und gefeierten Inszenierung wurde dies überdeutlich sichtbar. Sie hat das Zeug dazu, den Spiegel vorzuhalten. Doch – um ein weiteres Brecht-Zitat abzuwandeln – die im Dunkeln sehen ihn nicht.

Saisonstart im Oktober

Eine Krimikomödie bildet den Auftakt in die nächste Saison des Theaterrings. Am 14. Oktober wird „Die 39 Stufen" im Konzerthaus aufgeführt werden. Das voller Skurrilitäten, Klamauk, Slapstick und Spannung steckende Bühnenstück auf der Grundlage des Films von Alfred Hitchcock wird vom Theater der Altmark Stendal zu sehen sein.

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