Müssen wir überhaupt noch über die Gleichberechtigung von Frauen sprechen oder ist sie nicht schon längst erreicht? Wer diese Frage ernsthaft stellt, bekam am Freitagabend in der Heidenheimer Stadtbibliothek bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Frauen in der Arbeitswelt“ sehr schnell eine sehr klare Antwort: Frauen und Männer sind keineswegs gleichberechtigt, die Strukturen sind patriarchal und spätestens dann, wenn es um Kinder oder die Pflege von Angehörigen geht, schlägt die traditionelle Rollenverteilung gnadenlos zu.
Dass dies keine politischen Kampfbegriffe sind – die Veranstaltung zum Weltfrauentag wurde von den Grünen organisiert und von deren Landtagsabgeordneter Clara Resch moderiert -, zeigten nicht nur die vielen Zahlen und Fakten, die die beiden Fachfrauen für Gleichstellung auf dem Podium mitgebracht hatten, sondern auch die persönlichen Erfahrungen und Lebenswege, von denen alle Frauen sehr freimütig erzählten. Im Publikum im Margarete-Hannsmann-Saal waren rund 30 Zuhörerinnen, davon immerhin auch sieben Männer.
Die Teilnehmerinnen: Dr. Jeannette Behringer aus Kösingen und Susanne Dandl aus Heidenheim waren die Fachfrauen auf dem Podium: Behringer hat Politikwissenschaft, Volkswirtschaft und Soziologie studiert. Sie ist seit 2020 Verantwortliche für nachhaltige Entwicklung in Forschung und Lehre an der Universität Zürich. Susanne Dandl ist seit mehr als 25 Jahren Gleichstellungsbeauftragte beim Landratsamt Heidenheim, zudem sitzt sie für die Grünen im Heidenheimer Gemeinderat. Auch Ulrike Monz ist Stadträtin für die Freien Wähler. Sie ist Bauunternehmerin und berichtete, schon vor 30 Jahren Teilnehmerin einer Podiumsdiskussion zum Thema „Frauen im Handwerk“ gewesen zu sein: „Die Rahmenbedingungen sind seither nicht viel besser geworden.“ Renate Collins ist bei Voith Leiterin der Berufsausbildung und für Hochschulprogramme zuständig. Sie erzählte von ihrem Weg, der von der Hauptschule und einer Ausbildung zur Bürokauffrau über ständige Weiterbildung, Neugierde und Offenheit für Neues bis in die heutige Führungsposition ging, in der sie für knapp 200 Mitarbeitende verantwortlich ist. Jasmin Rolfs leitet als COO das operative Geschäft bei der Münchner Produktionsfirma Panda Pictures, die Werbe- und Erklärfilme aller Art machen.
Clara Resch, die seit September das Landratsmandat von Martin Grath übernommen hat, beschäftigt sich auch in ihrer politischen Arbeit mit dem Thema Frauen in der Arbeitswelt. Und sie ist natürlich auch selbst eine: Als sie Abgeordnete wurde, war ihre Tochter elf Monate alt, und Resch berichtete von ihren Erfahrungen, mit dem Kind zu Terminen oder in den Landtag zu gehen. Sie selbst profitiere davon, ihre Arbeitszeiten (abgesehen von den Sitzungsterminen) selbst bestimmen zu können. Mit einigen Leitfragen führte sie durch den Abend:
Wo stehen Frauen in der Arbeitswelt?
Dr. Jeannette Behringer hatte dazu Zahlen mitgebracht und sprach von einem ambivalenten Bild: 2024 seien in Deutschland so viele Frauen wie noch nie in Beschäftigung gewesen, aber erstmals arbeiteten auch mehr Frauen in Teilzeit als in Vollbeschäftigung. Der Anteil der Frauen in Führungspositionen stagniere bei 24 Prozent, so Behringer, gleichzeitig liege Deutschland im europaweiten Vergleich des Verdienstes von Frauen und Männern im hinteren Drittel: Frauen verdienen 16 Prozent weniger als Männer in der Stunde, der „Gender Pay Gap“ ist bittere Realität. Die durchschnittliche Rente von Frauen liege bei 800 Euro, die von Männern bei 1300 Euro, berichtete die Wissenschaftlerin.
Diese Voraussetzungen, so benannte es Susanne Dandl, führen zu „ökonomischer Gewalt“: „Wenn der Mann mehr verdient, bestimmt er auch darüber, wie das Geld verwendet wird“, so die Gleichstellungsbeauftragte. Laut Dandl wurde die institutionelle Kinderbetreuung stark ausgebaut, es gebe Tagesmütter und Pflegekräfte aus Osteuropa, damit Frauen arbeiten gehen können. „Wir haben alles getan, um der wahren Diskussion aus dem Weg zu gehen: Wer übernimmt die Care-Arbeit in der Familie?“, sagte die Gleichstellungsbeauftragte. Die Strukturen hätten sich nicht verändert. Spätestens während der Corona-Pandemie, als die institutionelle Betreuung wegfiel, habe sich gezeigt: Es ist immer noch der Job der Frau, sich um Kinderbetreuung und Pflege zu kümmern.
Gelingt der berufliche Weg als Frau besser, wenn man selbstständig ist?
Ulrike Monz sagte, sie habe es von Kind auf nicht anders gekannt, als dass Frauen für sich selbst verantwortlich sind. Ihre Kinder seien zwei und vier Jahre alte gewesen, als ihre Ehe auseinanderging. Gleichzeitig hatte der Vater für sein Bauunternehmen Insolvenz angemeldet, und Ulrike Monz war quasi gezwungen, ihr Leben neu zu erfinden. „Ich hatte ein starkes Netzwerk, das mich geschoben hat – auch in Richtung Unternehmensgründung“, so Monz. Mit Tagesmüttern, Au-pair-Mädchen und viel Arbeit am Wochenende oder nachts sei es ihr gelungen, als alleinerziehende Mutter gleichzeitig ein Unternehmen aufzubauen, und das auch noch in einer von Männern dominierten Branche: Von ihren 40 Beschäftigten seien drei Frauen, berichtet Monz.
Auch Jasmin Rolfs hat Einblicke in die Arbeit als Selbstständige, die in der Filmbranche aber mit schwierigen Arbeitszeiten verbunden seien: „Drehtage dauern mindestens zehn Stunden, das ist schwer mit Familie zu vereinbaren“, sagte sie. Die ganzen Netzwerke innerhalb der Branche würden aus Männern bestehen, seien aber gleichzeitig sehr wichtig, um Jobs zu bekommen. Sie bedauert das: „Wenn nur Männer am Werk sind, fehlt die Vielfalt“, so Rolfs. Wenn in einem Recruiting-Film nur Männer gezeigt werden, würden sich um die angebotenen Stellen auch vorrangig Männer bewerben, weil Frauen sich gar nicht gemeint fühlen.
Inwiefern ist das Private politisch?
„Es ist überhaupt nicht privat, die einzelne Frau hat nicht genug Macht“, so die klare Haltung von Susanne Dandl zu dieser Frage. Sie beobachte, dass parallel zum Erstarken der rechtskonservativen Parteien auch ein konservatives Frauen- und Familienbild wieder Einzug halte. Dem stimmte auch Jeannette Behringer zu, die von einem „Roll-back“ in die traditionelle Rollenverteilung sprach. „Wir müssen streiten, auch zu Hause“, so Behringer. Es sei wichtig, die Väter in die Verantwortung zu bringen: „Wir lassen Männer außen vor und machen es ihnen zu leicht.“ Ein Satz, der am Abend noch öfter zitiert wurde, kam auch von Behringer: „Feminismus ist ein zivilisatorischer Fortschritt für beide Geschlechter.“
Welche Änderungen sind notwendig?
Kritisiert wurde von allen Frauen die steuerliche Begünstigung der Ehe durch Ehegatten-Splitting und Steuerklassen. „Gesetze ändern etwas“, ist sich Susanne Dandl sicher. „Wir brauchen zwei Mal 75-Prozent-Beschäftigung für Eltern oder auch zwei Vollzeitstellen mit weniger Arbeitszeit“, wünschte sie sich. Bei der Elternzeit würde sie eine hälftige Teilung vorschreiben: „Solange es freiwillig bleibt, entscheidet die Ökonomie.“ Aber auch Arbeitgeber seien bei diesen Fragen sehr wichtig, ergänzte Jeannette Behringer.
Was geben die Frauen anderen Frauen mit für ihren beruflichen Weg?
Renate Collins, die selbst immer „tolle Vorgesetzte und Mentoren“ hatte, die sie gefördert haben, benannte diese als sehr wichtig auf ihrem beruflichen Weg: „Ich habe selbst oft nicht gesehen, was ich kann“, meinte sie. Es sei wichtig, die Komfortzone zu verlassen, wofür es aber manchmal auch einen Anstoß brauche. Für Ulrike Monz sind die innere Kraft und eigene Haltung noch wichtiger als Netzwerke und Mentoren: „Man braucht Resilienz, auch wenn etwas nicht so gut läuft.“ „Man darf als Frau auch wütend sein, aber man sollte nicht darin verharren, sondern das in eine positive Energie verwandeln“, empfahl Jasmin Rolfs. Susanne Dandl rief zur Solidarität unter Frauen auf: „Wir sind die Hälfte der Menschheit, wir müssen uns vernetzen.“ Auch Jeannette Behringer sprach diesen Punkt an: „Frauen sollten lernen, sich gegenseitig zu ermächtigen – auch, in dem sie sich beispielsweise im Gespräch aufeinander beziehen.“
Wie bekommen wir die Männer ins Boot?
Diese Frage kam am Schluss aus dem Publikum und wurde von dort auch auf Zuruf beantwortet: „In dem beim nächsten Mal auch ein Mann aufs Podium eingeladen wird.“ Damit war dann auch das einzige Manko einer spannenden und erkenntnisreichen Veranstaltung angesprochen: Die Frauen auf dem Podium blieben bei ihrem Austausch quasi unter sich, die Gelegenheit, einen Mann direkt in die Verantwortung zu holen und nach seinem Lebensweg zu fragen, entfiel. Aber der nächste Frauentag kommt ja bestimmt…