Die Stadt Herbrechtingen geht einen weiteren Schritt in Richtung klimafreundliche Wärmeversorgung. In der jüngsten Gemeinderatssitzung am 27. März stellten Vertreter des Zweckverbands zur Gasversorgung des Brenztals (ZGB) nun fünf Maßnahmen vor, die als erste konkrete Schritte für die Wärmewende in Herbrechtingen dienen. Sie basieren auf den Ergebnissen der Bestands- und Potenzialanalyse, die dem Rat bereits im Januar vorgestellt wurden, und wurden im Februar in einem Workshop mit Gemeinderatsmitgliedern und Vertretern der Stadtverwaltung gemeinsam erarbeitet.
ZGB-Geschäftsführer Marc Gräßle, Lisa-Marie Eberle (Projektsteuerung) und Jannik Kett erläuterten die geplanten Vorhaben und beantworteten Fragen, Kritik und Einwände der Ratsmitglieder.
Fünf Strategien zur Umsetzung der Wärmewende
Damit die Stadt langfristig eine klimaneutrale Wärmeversorgung erreichen kann, muss der Umbau der bestehenden Infrastruktur gezielt vorangetrieben werden. Die fünf vorgestellten Maßnahmen setzen an verschiedenen Punkten an – von der Nutzung regenerativer Energiequellen bis hin zur besseren Information der Bürgerinnen und Bürger. Im Folgenden ein Überblick über die geplanten Vorhaben:
1. Ausweisung von Kerngebieten zur Wärmenetzversorgung
In Herbrechtingen gibt es drei Wärmenetze. Es soll geprüft werden, ob die bestehenden erweitert beziehungsweise neue Versorgungsgebiete erschlossen werden können. Ziel ist es, durch eine zentrale Versorgung mit erneuerbarer Energie langfristig von fossilen Brennstoffen unabhängig zu werden. Dieser Schritt hat hohe Priorität und soll noch dieses oder nächstes Jahr umgesetzt werden.
2. Untersuchung des Potenzials der Abwasserwärme
Im Abwasser steckt ungenutzte thermische Energie. Das Potenzial der Abwasserwärmenutzung in Herbrechtingen soll sowohl auf technische Machbarkeit als auch auf Wirtschaftlichkeit geprüft werden – insbesondere an größeren Abwasserkanälen oder in der Nähe von Kläranlagen. Die Idee: Ein Wärmetauscher könnte dort die Wärme entziehen und für die Beheizung von Gebäuden nutzbar machen. Dies soll ab 2028 geschehen.
3. Untersuchung der Fließgewässernutzung der Brenz
Auch die Brenz kommt als Energiequelle in Betracht. Untersucht werden soll, inwiefern Flusswasser-Wärmepumpen zum Einsatz kommen könnten, um Wärme aus dem Brenzwasser zu gewinnen und sie in ein Nahwärmenetz einzuspeisen. Dafür sind wasserrechtliche Auflagen mit dem Landratsamt zu klären. Und: Sowohl technische als auch ökologische Aspekte gilt es zu berücksichtigen. Die Umsetzung ist ab 2029 vorgesehen.
4. Prüfung des PV-Potenzials auf kommunalen Gebäuden
Auf öffentlichen Gebäuden in Herbrechtingen sollen nach Möglichkeit vermehrt Photovoltaikanlagen installiert werden. Die Stadt beabsichtigt, jedes Jahr ein weiteres kommunales Gebäude mit Photovoltaik zu belegen. Dafür muss zunächst analysiert werden, welche Dächer geeignet sind, welche Leistung erzielt werden könnte und wie die gewonnene Energie genutzt werden kann – ob direkt für kommunale Gebäude oder zur Einspeisung ins Netz. Die Technischen Werke Herbrechtingen (TWH) wurden beauftragt, sich darum zu kümmern. Geplante Umsetzung: Ab 2027.
5. Bürgerinformations- und Beratungskonzept
Da die Wärmewende nicht nur von der Stadt, sondern auch von den Bürgerinnen und Bürgern getragen werden muss, soll für letztere ein umfassendes Beratungskonzept erarbeitet werden. Ziel ist es, Hausbesitzer und Unternehmen über Fördermöglichkeiten, alternative Heizsysteme und Einsparmöglichkeiten aufzuklären – und ihnen individuelle Fragen zur Wärme- und Energiewende zu beantworten. Dazu sind sowohl Infoveranstaltungen als auch persönliche Beratung geplant. Im Jahr 2026 soll es damit losgehen. Bürgerinnen und Bürger sind aber schon in diesem Jahr, am 13. Mai, zur Teilnahme an einer Bürgerinformationsveranstaltung zum Thema eingeladen.
Debatte im Gemeinderat
Nach der Vorstellung der fünf Strategien entwickelte sich eine kontroverse Diskussion im Herbrechtinger Sitzungssaal. Mehrere Ratsmitglieder kritisierten, dass die Wärmeplanung noch zu unkonkret sei. Martin Müller (Freie Wähler) stellte infrage, ob eine Bürgerinformationsveranstaltung bereits im Mai sinnvoll sei, wenn viele Details noch unklar seien. Auch Michael Wiedenmann (CDU) äußerte Zweifel, ob man den Bürgern ohne konkrete Ergebnisse genug bieten könne.
Bürgermeister Daniel Vogt und der ZGB hielten dagegen. Vogt betonte, dass der Planungsprozess schrittweise erfolgen müsse und Bürger frühzeitig einbezogen werden sollten. „Wir müssen diese Veranstaltung machen, bevor wir weitergehen können“, erklärte er. Kett ergänzte, dass es unrealistisch sei, jetzt schon für jeden Bürger eine fertige Lösung zu präsentieren.
„Wir sollten die Chancen dieses Projekts sehen!“
Hermann Mader (Freie Wähler)
Mehrere Ratsmitglieder drängten auf eine schnellere Umsetzung. Cornelia Stahl (Unabhängige/Grüne) warnte, dass man wichtige Schritte nicht erst 2027 angehen dürfe. Stadtbaumeister Dieter Frank räumte ein, dass sich manche Maßnahmen lange hinziehen könnten.
Während einige Räte weiterhin Bedenken äußerten, richtete Hermann Mader (Freie Wähler) einen Appell an seine Kollegen: „Wir sollten die Chancen dieses Projekts sehen!“ Er verwies auf das Bio-Heizkraftwerk in Herbrechtingen, das ein Alleinstellungsmerkmal darstelle. Auch Manfred Strauß (CDU) plädierte dafür, nicht die perfekte Lösung anzustreben, sondern schrittweise vorzugehen. Am Ende war man sich einig, den Prozess fortzusetzen – wenn auch mit unterschiedlichen Vorstellungen über Tempo und Prioritäten.
Gemeinsame Sache mit den Nachbarkommunen
Bereits 2024 begann die Stadt Herbrechtingen gemeinsam mit Niederstotzingen und Sontheim an der Brenz eine geförderte freiwillige Wärmeplanung, noch bevor das Wärmeplanungsgesetz des Bundes eine entsprechende Verpflichtung festschrieb. Im Januar 2025 wurden die Ergebnisse der ersten beiden Phasen des Projekts – Bestands- und Potenzialanalyse – vorgestellt. Dabei zeigte sich, dass die Wärmeerzeugung in Herbrechtingen aktuell stark von fossilen Brennstoffen abhängig ist.