Schreinergruppe Herbrechtingen

Hör mal, wer da hämmert: Wer die Tüftler im Herbrechtinger Buigen-Center sind

Dass Ruhestand nicht Stillstand bedeuten muss, zeigen die Mitglieder der Herbrechtinger Schreinergruppe jede Woche aufs Neue. Im Buigen-Center setzen die Tüftler ihr handwerkliches Können ein, um sowohl Privatpersonen als auch örtlichen Institutionen zu helfen.

Dienstagnachmittag, 4. Februar 2025. Im Herzen Herbrechtingens erfüllt der Lärm von Sägen einen Raum im Buigen-Center. Holzspäne wirbeln durch die Luft, die rhythmischen Schläge eines Hammers vermischen sich mit dem sonoren Brummen einer Bohrmaschine. Hier, inmitten von Werkbänken, Schraubzwingen und säuberlich sortierten Holzbrettern, treffen sich seit 2023 jeden Dienstag ortsansässige Hobbyhandwerker, die mit viel Herzblut und handwerklichem Geschick an ihren Projekten arbeiten. Es handelt sich um die Herbrechtinger Schreinergruppe – und damit vornehmlich um vier Senioren, die den Ruhestand nicht als Stillstand verstehen, sondern als Möglichkeit, aktiv zu bleiben, Kameradschaft zu erleben und der Langeweile keine Chance zu geben. Ein Besuch in ihren Reihen.

Ein fester Kern mit Herz für Holz

Der süßlich-harzige Duft frisch bearbeiteter Bretter ergänzt das Aroma von Kaffee aus dem angrenzenden Seniorencafé. In der Werkstatt im Buigen-Center bedienen Männer in grauen und blauen Arbeitskitteln die Maschinen und widmen sich konzentriert ihren Aufgaben. Einer von ihnen ist Helmut Bertz, 87 Jahre alt, aus Herbrechtingen. Seit 29 Jahren ist er das Herz der Gruppe. „Ich brauche das hier – und die anderen auch“, sagt er mit einem zufriedenen Lächeln, während er ein Brett vermisst. Während man dem Tüftler so zuhört, wird einem schnell klar: Wenn er eines nicht leiden kann, dann ist es Langeweile. Und an ein Leben ohne die regelmäßigen Werkstatt-Treffen mit seinen Kameraden will Bertz gar nicht mehr denken. „Was soll ich auch zu Hause Däumchen drehen, wenn ich hier nützlich sein kann?“

Helmut Bertz leitet die Schreinergruppe seit 29 Jahren. Für sein langjähriges ehrenamtliches Engagement wurde er mit dem Ehrenring der Stadt Herbrechtingen ausgezeichnet. Rudi Penk

Die Stammbesetzung der Gruppe besteht aus vier Männern: Neben Bertz sind die Herbrechtinger Reiner Ruoff (70), Herbert Kraus (81) und Wolfgang Geiger (67) fest mit dabei. Ruoff ist gelernter Elektromeister, Kraus arbeitete als kaufmännischer Angestellter und Geiger ist pensionierter Berufsschullehrer. „Nun, wir sind ein bunter Haufen“, sagt Bertz. Was alle eint, ist die Freude am Handwerk, der Beschäftigung und an der Gemeinschaft, die sie hier gefunden haben. Vor allem aber verfolgt die Gruppe ein gemeinsames Ziel: Sie bauen, reparieren und restaurieren – und das für einen guten Zweck.

Von Sitzbänken bis Taufbaum – Handwerk für die Gemeinschaft

Mit geübten Handgriffen restauriert die Gruppe derzeit einen in die Jahre gekommenen Tisch aus dem Seniorencafé. Es wird geschliffen, gebohrt, gesägt und geschmirgelt. Wie Bertz anschaulich mit Bespielen belegt, reichen die Projekte der Gruppe aber weit darüber hinaus. Ob Sitzgelegenheiten für Schulen, reparierte Bänke im Eselsburger Tal und auf dem Buigen, oder ein kunstvoll gefertigter Taufbaum für die Kirche – die Tüftler hinterlassen Spuren in der Stadt. Besonders am Herzen liegt Bertz die Reparatur von Kinderspielzeug aus den örtlichen Kindergärten: „Da freuen sich alle: die Kinder – und die Erzieherinnen, weil sie keine neuen Spielsachen anschaffen müssen.“

So klappt's: ehrenamtlich und für alle

Doch wie funktioniert und finanziert sich die Arbeit der Senioren? Bertz erklärt: „Wir wollen den hiesigen Schreinern nicht in die Quere kommen. Das heißt, wir machen nur Kleinkruscht.“ Die Arbeit der Schreinergruppe erfolge ehrenamtlich und unentgeltlich, die Stadt unterstützt die Gruppe mit einem Kleinbetrag zur Abdeckung von Materialkosten, zum Beispiel für Schrauben.

Viel wichtiger: Wer die Hilfe der Tüftler in Anspruch nimmt – seien es Privatpersonen mit kaputten Möbelstücken oder die Kirche mit einem besonderen Auftrag – bringt das Material entweder selbst mit oder übernimmt die Kosten dafür. Geld für ihre Arbeitskraft verlangen die Schreiner nicht. Doch es gibt eine kleine Spardose, in die Trinkgeld fließt. „Einmal im Jahr gehen wir – die Stammbesetzung aus Ruoff, Kraus, Geiger und mir – von diesem Geld gemeinsam mit unseren Frauen essen“, erzählt Bertz. Und um den Überblick über alle Aufträge zu behalten, führt Bertz ein Buch, in dem alle Projekte, Auftraggeber und bereitgestellten Materialien festgehalten werden.

Gemeinschaft, die verbindet

Was die Männer zusammenhält, ist mehr als nur die gemeinsame Arbeit. „Wir sind nicht verbohrt. Natürlich scherzen wir miteinander und verbieten uns den Spaß bei der Arbeit nicht“, sagt Bertz augenzwinkernd. Neben der Werkstatt gehört der soziale Austausch fest zum Alltag der Gruppe. Ab 16 Uhr legen sie die Werkzeuge nieder und treffen sich im Seniorencafé zu Kaffee und Kuchen – eine Tradition, die niemand missen möchte.

Und wie steht's um den Nachwuchs? Bertz: „Bislang hat noch niemand jüngeres Interesse bekundet." Dabei wäre die Gruppe offen für Neuzugänge – allerdings mit einer Bedingung: „Es bringt nichts, wenn einer mit zwei linken Händen kommt. Handwerkliches Geschick, Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit sind uns schon wichtig", gibt der 87-Jährige zu bedenken.

In der Werkstatt im Buigen-Center steht selten jemand untätig herum: Es wird geschliffen, gehobelt, gesägt, gebohrt – und zwar für einen guten Zweck. Rudi Penk

Ausblick: Gesund bleiben und weitermachen

Die Schreinergruppe ist für ihre Mitglieder längst ein fester Bestandteil des Lebens geworden. Große Zukunftspläne schmieden sie nicht. „Wir hoffen, dass wir gesund und munter bleiben“, sagt Bertz nachdenklich. „Es sind ja schon einige Gruppenmitglieder verstorben.“ Sicher dürfte wohl sein: Solange die Werkzeuge geschwungen werden können, wird weiter getüftelt.

Neue Heimat im Buigen-Center

Seit 2023 trifft sich die Schreinergruppe jeden Dienstag, von 14 bis 18 Uhr, in den neu geschaffenen Räumlichkeiten im Herbrechtinger Buigen-Center. Vorher war die städtische Begegnungsstätte im Karl-Kaipf-Heim die Heimat der Schreinergruppe.

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