Für Wisent-Freunde war es vergangenen November ein trauriger Tag: Das Kalb, das erst im Mai 2024 auf der Wisentweide zwischen Nattheim und Neresheim geboren wurde, ist im Herbst überraschend gestorben. Wie der Auernheimer Landwirt Michael Abele, der sich um die Tiere auf der Weide kümmert, berichtet, war das zu diesem Zeitpunkt rund sechs Monate alte Jungtier bei einer Routineuntersuchung nicht mehr aus der Narkose aufgewacht. „So etwas kann zwar immer mal vorkommen, aber wir haben trotzdem nicht damit gerechnet“, erzählt Abele.
Hannibal, so der Name des Kalbs, kam einige Wochen früher als erwartet auf die Welt – die Austragungszeit von Wisenten liegt im Normalfall zwischen Mai und Juni. Bislang hat es keinen weiteren Nachwuchs auf der Wisentweide gegeben. Zwar hatte man sich laut Abele für vergangenes Jahr mehr Kälber erhofft und sogar Prognosen erstellt. Diese hätten sich aber schlichtweg nicht erfüllt.
Trächtigkeit bei Wisenten nicht sichtbar
„Bei der ein oder anderen Kuh hatten wir zwar gedacht, dass sie vielleicht trächtig ist, aber letzten Endes waren sie auf gut Deutsch nur fett. Bei den Tieren sieht man eine Trächtigkeit gar nicht“, so der Landwirt. Knapp neun Monate dauert es, bis ein Jungtier auf die Welt kommt. Eine Kuh gebärt jeweils nur ein Junges pro Jahr.
Auch für die diesjährige Austragungszeit lässt sich noch nicht definitiv sagen, ob mit Nachwuchs gerechnet werden darf. „Der Bulle war bei der Brunftzeit jedenfalls dabei und ist seiner Arbeit nachgegangen“, erklärt Abele. Er hoffe auf mindestens zwei Kälber, drei Stück wären noch besser.

Neben dem ausgewachsenen Bullen leben auf der Wisentweide derzeit sechs Kühe. Da eines der weiblichen Tiere zu alt, und zwei weitere zu jung für Nachwuchs sind, können in diesem Sommer also maximal drei Kälber geboren werden. „Das Ziel ist es natürlich, so viele Kälber wie möglich zu bekommen, damit die Herde auf die geplanten 14 bis 18 Tiere anwächst“, erklärt Michael Abele.
Für die Wisentweide wäre es ideal, wenn nur weibliche Kälber geboren würden. Grund dafür ist, dass immer nur ein Bulle mit zirka zehn Kühen zusammenleben und diese dann auch decken kann. Zu viele männliche Nachkommen würden also das Gleichgewicht der Herde durcheinanderbringen. Dazu kommt, dass es nicht möglich ist, zwei geschlechtsreife Bullen gemeinsam zu halten, weshalb männliche Kälber die Herde auf dem Härtsfeld nach einiger Zeit wieder verlassen müssten.
Wisentweide: wissenschaftliches Forschungsprojekt
Im Dezember 2022 waren zunächst vier Wisentkühe aufs Härtsfeld gezogen. Die Wisentweide soll in erster Linie dem Naturschutz dienen und gleichzeitig ein Forschungsprojekt sein. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) untersucht den Einfluss der Wisente auf ihre Umgebung. Unter anderem wird analysiert, wie die Tiere durch ihr Fressverhalten und ihre Bewegungen Wald und Wiesen beeinflussen. Gefragt sind dabei auch Dungkäferexperten – sie untersuchen die Insekten im Kot der Wisente – sowie Fledermausexperten – sie beobachten die Auswirkungen der Wisente auf den Wald und die daraus resultierenden Veränderungen auf die Fledermauspopulation.
Härtsfeld-Wisente kommen aus Bayern
Vor rund 100 Jahren gab es nur noch ein Dutzend Exemplare des letzten frei lebenden Wildrinds in Europa. Über Zuchtprogramme wurde die Anzahl der Wisente auf heute rund 6000 zeugungsfähige Tiere erhöht. Die Härtsfeld-Wisente kommen ursprünglich aus dem altbayrischen Donaumoos.