Was drei Spiele ausmachen können: Nach der 0:3-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach war der 1. FC Heidenheim Anfang März Tabellenletzter der Bundesliga. Die Stimmung rund um den Verein: mies. „Wenn wir drei, vier Wochen zurückgehen, dann haben viele gedacht: Das wird nichts“, fasste FCH-Trainer Frank Schmidt nach der Partie beim VfL Wolfsburg das zusammen, was er damals rund um den Verein wahrgenommen hatte. Allerdings kamen die Spieler selbst angespannter zum Training, wie Niklas Dorsch im Vorfeld der Partie in Wolfsburg gegenüber der DPA verriet.
Wenn wir drei, vier Wochen zurückgehen, dann haben viele gedacht: Das wird nichts.
FCH-Trainer Frank Schmidt
Drei Spieltage und sieben Punkte später, im Profifußball eigentlich nur ein Wimpernschlag: Der FCH rückt auf den 16. Platz vor, den Relegationsrang. Und hat nur noch drei Punkte Rückstand auf den ersten Nicht-Abstiegsplatz („nach Gladbach“ waren es sechs Zähler). Denn die drei direkten Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt, Holstein Kiel, der VfL Bochum und der FC St. Pauli haben jeweils verloren.
Gladbach also. Das 0:3 am 24. Spieltag zu Hause gegen den neuen Club von Tim Kleindienst hat bei den Heidenheimern einen Aha-Effekt ausgelöst. Nach dieser Niederlage hat sich der FCH neu ausgerichtet. „Noch einmal“, wie Schmidt nach dem Sieg in Wolfsburg anmerkte. „So etwas ist möglich, auch während der Saison. Seither zeigen wir ein anderes Gesicht. Wir zeigen, was möglich ist, wenn wir unseren Fußball spielen“, so der Heidenheimer Coach. „Unseren Fußball“: Dieser funktioniere nur über Geschlossenheit und ein Miteinander.
Wir zeigen, was möglich ist, wenn wir unseren Fußball spielen.
FCH-Trainer Frank Schmidt
Ein Beispiel hatte Schmidt auch parat. Natürlich hob der 51-Jährige den Einsatz von Marvin Pieringer, der nach einer Kopfverletzung zum Matchwinner wurde, hervor. Aber eine Szene hatte es dem FCH-Coach besonders angetan. Diese sei ein sehr gutes Beispiel dafür, was den neuen, alten FCH ausmacht: Es war die letzte Aktion des Spiels. Nach einem Einwurf für Wolfsburg gaben die Heidenheimer den Ball leichtfertig wieder her, bemerkte Schmidt, um dann aber lobend hervorzuheben: „Dann schmeißen sich, glaube ich, von uns drei, vier Spieler hintereinander in die letzte Aktion und blocken den Ball. Das ist sinnbildlich.“ Es sei in dieser Szene nicht darum gegangen, irgendwie einen Punkt mitzunehmen, sondern um den Glauben an sich selbst, darum, bis zum Schluss alles zu geben.
Der 1. FC Heidenheim läuft in Wolfsburg so viel wie nie in dieser Saison
Für Statistikliebhaber: Der vierte FCH-Sieg in dieser Saison ohne ein Gegentor war der erste 1:0-Erfolg. „Manchmal muss ein Tor reichen“, machte Schmidt klar. Der davor letzte Zu-null-Erfolg war ein 2:0 gegen Union Berlin am 11. Januar (zudem gab es ein 2:0 beim FC St. Pauli am 1. Spieltag und ein 4:0 gegen den FC Augsburg am 2. Spieltag). Ein Wert, der zuletzt auch immer wieder angesprochen wurde: die Laufleistung. Der FCH ist nicht mehr das laufstärkste Team, was unter anderem an der Ausrichtung und dem veränderten Kader liegt. Gegen Wolfsburg liefen die Heidenheimer Spieler aber 127,87 Kilometer – so viele wie noch nie in dieser Saison (bei der 1:3-Niederlage im Hinspiel waren es knapp zehn Kilometer weniger).
Es ist ein Wert, der mit Vorsichtig zu genießen ist, wie Ralph Hasenhüttl anmerkte. Er könne auch darauf hindeuten, dass eine Mannschaft ihren Fehlern hinterherläuft, so der Wolfsburger Coach. Im Falle des FCH gehört der Laufwert aber seit jeher zum „Heidenheimer Fußball“. Wie Frank Schmidt betonte: Sein Team sei in der Defensive sehr stabil und kompakt gestanden, was auch mit viel Laufarbeit zu tun habe.

Was den FCH aktuell auch ausmache: Kommunikation. Frank Schmidt wählte hier wiederum ein eher unscheinbares Beispiel. Normalerweise schöpft eine Mannschaft, die knapp in Führung liegt, das gesamte Wechselkontingent aus, da bei einem Wechsel mehrere Sekunden verstreichen. Heidenheim wechselte dennoch nur vier-, statt fünfmal aus. Der FCH-Trainer suchte das Gespräch mit den Spielern, die noch auf der Bank saßen, um ihnen die Vorgehensweise zu erklären. Aufgrund der Größe der Wolfsburger Spieler und der vielen langen Bälle habe es für einen weiteren Wechsel keine Möglichkeit gegeben. Schmidt sei es darum gegangen, „dass es jeder einfach auch verstehen muss“.
Nach sieben Punkten sollten wir nicht so tun: Jetzt läuft’s wieder und alles geht wieder automatisch.
FCH-Trainer Frank Schmidt
Selbstkritik beim VfL Wolfsburg
Beim zweiten Heidenheimer Sieg in Folge (und dem ersten Sieg gegen den VfL Wolfsburg überhaupt) darf man aber auch nicht außer Acht lassen, dass die Gastgeber dem eigenen Bekunden nach weit unter ihrem Potenzial gespielt haben. Kapitän Maximilian Arnold bemängelte in einem Interview mit „Sky“ die Einstellung seines Teams. Einige Spieler hätten wohl gedacht, „jetzt kommt ein vermeintlich schwächerer Gegner, dann treffen wir uns und spielen ein bisschen.“

Dessen Trainer sprach von einem „bei weitem schlechtesten Heimspiel“ der Saison. Zum einen seien viele Spieler, der VfL Wolfsburg hat einige Nationalspieler, bei Länderspielen im Einsatz gewesen, ein gemeinsames Training sei nur an zwei Tagen möglich gewesen. Zum anderen bemängelte Hasenhüttl zu wenig Energie bei seiner Mannschaft: „Wir waren vor allem nach dem 0:1 sehr träge, sehr langsam, auch im Kopf, mit sehr vielen Fehlern. Wir haben mit falschen Entscheidungen, technischen Fehlern dafür gesorgt, dass der Gegner heute keine große Mühe hatte gegen uns zu verteidigen.“
Dies soll die Leistung des FCH nicht schmälern, gehört aber zur Einordnung dazu. Diese nahm auch Frank Schmidt vor. Der FCH-Trainer machte klar: „Nach sieben Punkten sollten wir nicht so tun: Jetzt läuft's wieder und alles geht wieder automatisch. Wir müssen diesen roten Faden jetzt einfach weiter aufnehmen und diesen Weg weitergehen.“
Wir haben gezeigt, dass wir gerade bei uns zu Hause jeden Gegner an seine Grenzen bringen können.
FCH-Matchwinner Marvin Pieringer
Der 51-Jährige hob dabei die Körpersprache und die Willenseigenschaften seiner Spieler hervor, die nun vor Duellen gegen Top-Mannschaften stehen: Am Samstag, 5. April, geht es zunächst in der Voith-Arena gegen Bayer Leverkusen (15.30 Uhr). Beim Gedanken an den Tabellenzweiten wird aber Marvin Pieringer nicht bange. „Wir haben gezeigt, dass wir gerade bei uns zu Hause jeden Gegner an seine Grenzen bringen können. Gerade mit so einer Leistung wie heute, wenn wir da vielleicht die ein oder andere Schippe drauflegen, dann ist da auch definitiv etwas drin“, so der FCH-Matchwinner nach dem Sieg in Wolfsburg.