Es ist schon komisch: Eine lange Zeit war Sebastian Kieser Trainer, so zum Beispiel sieben Jahre lang bei den Handballern des TV Steinheim. Nach dem Ende der aufreibenden Saison 2023/24 verspürte er nur noch wenig Lust auf die Sportart, die bis dahin sein Leben mitbestimmt hatte. Der 46-Jährige legte also eine schöpferische Pause ein – um festzustellen: „Irgendwie hat man dann auch keine Zeit.“
Oder konkreter ausgedrückt: Kieser nutzte die freie Zeit anders. Zum Beispiel mit der Familie oder aber für sich selbst. Zwar war er nicht mehr Trainer der Steinheimer Handballer, aber immer noch Teil der Mannschaft. Denn er stieg wieder ins Training ein, als Gastspieler sozusagen, weil er eben bei Pflichtspielen nicht dabei war. „Die Jungs und ich haben noch immer einen guten Draht zueinander“, sagt Kieser über seine geänderte Rolle.
Der Geist will, der Körper kann aber nicht immer.
Sebastian Kieser im Scherz über seine Trainingseinheiten mit den Steinheimer Handballern
Einmal die Woche Training, quasi für das eigene Wohlbefinden. Fühlt man sich dann fitter? Kieser kontert trocken: „Nee, älter.“ Körper und Geist seien nicht im Einklang, habe er festgestellt. „Der Geist will, der Körper kann aber nicht immer“, scherzt er und hat ein Beispiel parat: „Wenn du denkst: Den Ball kriege ich noch, aber am Ende doch ein, zwei Meter fehlen. Das ist schon hart.“ Dennoch nimmt er’s mit Humor. Was am meisten wehgetan hat? „Der nächste Morgen“, sagt Kieser dennoch gutgelaunt.
Man merkt ihm an, dass ihm die Pause vom Handballgeschäft gutgetan hat. Kieser selbst sagt, dass er nach der vergangenen Saison an einem Punkt gewesen sei, an dem er sich ausgebrannt gefühlt habe. Zusammen mit Arne Kühr hatte er nicht nur die Mannschaft in der Verbandsliga betreut, sondern auch viel Verantwortung im organisatorischen Bereich gehabt. „Teilweise war ich mehr Teammanager als Trainer“, sagt Kieser rückblickend.
Ein überraschender Anruf von Angelika Biller von der SHB
Und doch, im Hinterkopf hatte Sebastian Kieser immer eine Rückkehr, zumindest ins Trainergeschäft. Und eigentlich drehten sich seine Überlegungen eher um eine höherklassige Mannschaft im Männerbereich. Doch dann kam der für ihn überraschende Anruf von Angelika Biller, die auf der Suche nach einem Trainer für die Verbandsliga-Handballerinnen der Spielgemeinschaft Herbrechtingen/Bolheim ab der kommenden Saison war. Bereits früher hatte Kieser Handballerinnen beim TV Steinheim trainiert (Bezirks- und auch Landesliga). Von daher ist es für ihn nichts Neues. Zudem ist Kieser von den Voraussetzungen bei der SHB sehr angetan. Zum einen hält Angelika Biller als Managerin den Trainern den Rücken frei, zum anderen imponiert Kieser die Infrastruktur in der Bibrishalle mit einem Raum für Videoanalyse oder einem Gymnastikraum.
Meine Frau, meine Familie haben den Ausschlag gegeben.
Sebastian Kieser über seine Zusage an die SHB
Und der wohl wichtigste Aspekt: der Zeitaufwand. Oder besser ausgedrückt: „Meine Frau, meine Familie haben den Ausschlag gegeben“, sagt Sebastian Kieser. Wäre er Trainer bei einem Team im Ulmer, Göppinger oder gar Stuttgarter Raum geworden, wäre er länger von zu Hause weg, erklärt der Vater zweier Töchter. „Das Gesamtpaket hat mich einfach überzeugt“, fügt er an.
Auch nicht ganz unwichtig: Die Mannschaft der SHB bleibt zusammen. „Es ist ein eingeschworenes Team“, freut sich Kieser auf die Zusammenarbeit. Sich der Mannschaft offiziell vorstellen möchte er aber allerdings erst nach Ende der laufenden Spielzeit. Das Team solle fokussiert die Saison zu Ende spielen.

Das „Gesamtpaket“ stimmt auch aus SHB-Sicht. „Wir sind sehr froh, einen Trainer aus dem Landkreis Heidenheim zu bekommen, der auch noch Erfahrung aus einer höherklassigen Liga mitbringt“, sagt Angelika Biller. Der scheidende Trainer, Philipp Gyaja, kommt auch nicht von ganz so weit weg, aus Ulm. Ab der kommenden Saison kommt Sebastian Kieser aus Steinheim.
Bei ihm gab’s auch kein Rumgeeiere.
Angelika Biller über Sebastian Kieser
Biller war auch vom Gesamtauftritt Kiesers beeindruckt. „Bei ihm gab’s auch kein Rumgeeiere.“ Einem ersten Anruf folgte eine Gesprächsrunde mit der Vereinsleitung. Danach hatte sich Kieser eine Bedenkzeit übers Wochenende erbeten. Eigentlich. Denn nur einen Tag später kam seine Zusage – per Whatsapp. Seine Nachricht habe er folgendermaßen beendet: „Euer Coach, Sebi.“ Diese Geradlinigkeit habe ihr imponiert, sagt Angelika Biller offen.
Sie selbst habe Kieser als möglichen Trainerkandidaten „auf dem Zettel“ gehabt. Ein entscheidender Anstoß für einen Anruf kam aber von Jochen Gerstlauer, seines Zeichens Pressewart bei der SHB. Angelika Biller probierte ihr Glück – und es passte. „Er möchte mit uns den nächsten Schritt machen“, sagt Biller, die somit auch diese „Mammutaufgabe“, wie Biller es im Hinblick auf die Kurzfristigkeit der Trainersuche ausdrückt, erfolgreich bewältigt hat. „Es geht dann doch immer irgendwo eine Tür auf“, sagt sie über Trainersuchen allgemein.
Und jetzt? „Ich bin jetzt entspannter und habe gesagt, dass ich jetzt einige Zeit nichts mehr machen möchte“, sagt Angelika Biller. Eine Pause? „Das geht natürlich nicht“, macht sie dann doch lachend klar – und hat bereits die nächsten Aufgaben im Zusammenhang mit den SHB-Handballerinnen im Hinterkopf. Irgendwie bleibt immer zu wenig Zeit...